25.02.2020 -
Eine globale Ausbreitung des Coronavirus hätte Folgen für die Geldpolitik und Börsen, die wohl kaum ein Anleger erwartet. Kapitalmarktstratege Thomas Lehr entwirft ein Szenario für den Ernstfall.
Herr Lehr, an den Kapitalmärkten diskutiert man derzeit die möglichen Folgen des Coronavirus.
Thomas Lehr: Niemand kann seriös sagen, wie sich die Coronavirus-Infektion ausbreitet. Anleger sollten besser nicht den vielen, teils selbst ernannten, Experten trauen, die hier halbgare Prognosen geben. Klar ist aber: Käme es tatsächlich zu einer lang andauernden Pandemie und in Folge zu einem dauerhaften ökonomischen Einbruch, hätte das natürlich auch geldpolitische Folgen. Insbesondere in den USA.
Sie sprechen von erneuten Zinssenkungen?
Durch die Zinsanhebungen der letzten Jahre besitzt die US-Notenbank Federal Reserve immer noch die größte Feuerkraft. Gehen Sie davon aus, dass die Fed sie im Ernstfall einsetzen wird.
Noch vor gut einem Jahr schien die geldpolitische Normalisierung in den USA im vollen Gange…
…und eine Rückkehr der Zinsen in Richtung fünf Prozent war für die meisten Amerikaner bereits eine ausgemachte Sache. In den USA fällt es Anlegern ohnehin immer noch am schwersten, die Zinsentwicklung richtig einzuordnen. Und das hat weitreichende Folgen – auch für die Bewertungen am Aktienmarkt.
Bitte erklären Sie uns das genauer.
In Japan hat man sich längst an den Nullzins gewöhnt und auch in Europa realisieren die Menschen langsam, dass die Zinsen auf Dauer bleiben, wo sie sind. In den USA sieht das etwas anders aus. Einerseits scheint es für Amerikaner weder nachvollziehbar noch akzeptabel, dass sich Länder wie beispielsweise Italien zu deutlich günstigeren Konditionen refinanzieren können als die USA.
Von Griechenland ganz zu schweigen.
Andererseits fühlen sich für die meisten Amerikaner Renditen unter zwei Prozent immer noch absurd niedrig an. Das Zinsniveau wird einhellig als viel zu tief – und allenfalls als temporäres Phänomen eingestuft.
Was hat das mit den Bewertungen am Aktienmarkt zu tun?
Nun, in den USA hat die Aktienanlage einen ganz anderen Stellenwert. Im Gegensatz zu europäischen Anlegern, die auch angesichts tiefster Zinsen mehrheitlich einen Bogen um den Aktienmarkt machen, ist für amerikanische Anleger die Beteiligung an Unternehmen mitnichten eine „Spekulation“. Es wundert also nicht, dass amerikanische Anleger mit Abstand den größten Anteil am Aktienmarkt halten. Solange US-Anleger absehbar wieder Renditen um die vier bis fünf Prozent erwarten, darf es niemanden wundern, dass sich auch die Bewertungen von Aktien immer noch an diesem Niveau orientieren. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn die weltweit größte Anlegergruppe erst einmal realisiert, dass die Zinsen langfristig tief bleiben.
Die Bereitschaft amerikanischer Anleger, auch am Aktienmarkt höhere Bewertungen zu akzeptieren, dürfte deutlich ansteigen.
Exakt! Und der Effekt hätte in dem Fall vermutlich deutlich weitreichendere Folgen für das Bewertungsniveau, als die wenigen Umschichtungen einiger verwegener europäischer Anleger. Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 16 oder 17, wie sie für den breiten, globalen Aktienmarkt über viele Jahrzehnte aus gut nachvollziehbaren Gründen als „fair“ empfunden wurden, dürften dann wohl zunächst einmal der Vergangenheit angehören.
Das Umfeld für eine Aktienrally?
Weiter fallende Zinsen in den USA wären langfristig sicher ein Trigger für die Bewertungen am Aktienmarkt. Das bedeutet aber nicht, dass es kurzfristig nicht erstmal turbulent werden dürfte. Schließlich würden die Gewinne vieler Unternehmen im Falle einer Pandemie zunächst sinken. Die Tatsache aber, dass sich die Bewertungen am Aktienmarkt trotz rekordtiefer Zinsen nicht spürbar von denen vor 30 Jahren unterscheiden, ist zumindest ein guter Puffer. Bedenken Sie, dass die Gewinnrenditen der Unternehmen in der Breite heute rund vier bis fünf Prozent höher liegen als die Rendite eines akzeptablen Anleiheportfolios. Einen Crash erwarten wir daher selbst im Falle einer Pandemie nicht.
Und langfristig?
Langfristig gibt es für Anleger in einem Umfeld tiefer Zinsen ohnehin keine Alternative zu Aktien. Zumindest dann nicht, wenn sie ihr Vermögen langfristig und vor allem real – sprich nach Inflation - erhalten wollen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Thomas Lehr ist Kapitalmarktstratege bei der Flossbach von Storch AG.