„Ölpreise? Wenn alle Risiken einträfen, hieße es Game Over“

30.08.2018 - Flossbach von Storch

MÄRKTE


Der wichtigste Rohstoff der Welt wird teurer. Ludwig Palm, Portfoliomanager und Senior Investment Analyst für den Öl- & Gassektor erklärt, warum die Preise steigen und welche Gefahren er sieht.

Herr Palm, innerhalb eines Jahres stiegen die Ölpreise um gut 40 Prozent. Woran liegt das?

Palm: Der Ölpreis wird von Angebot und Nachfrage bestimmt. Steigt die Nachfrage schneller als das Angebot, wird es teurer. Das Problem: Letztlich kann niemand genau sagen, wieviel Öl genau produziert und verbraucht wird. Überraschungen gehören daher beim Öl immer dazu.

Wie schätzen Sie dann den Markt ein?

Ich schaue mir an, wie sich die Ölmenge in den Speichern entwickelt. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage spiegelt sich in den Veränderungen der Lagerbestände wieder. Im Fachjargon würde man sagen: Angebot minus Nachfrage ist gleich Delta Speicher. Die Reserven sind daher ein Indikator für Über- beziehungsweise Unterangebot. Der Preis folgt dieser Entwicklung

Wo finden Sie solche Daten?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt eine Statistik über die Speicherbestände ihrer 36 Mitgliedsstaaten. Zwar handelt es sich auch hier teilweise um Schätzungen, aber aus meiner Sicht sind das wohl die aussagekräftigsten Daten, die man bekommen kann. Der Ölpreis hat eine hohe Korrelation zu den OECD-Speicher-Levels. Außerhalb der OECD besitzt nur China signifikante Speicherkapazität. Alle anderen Länder leben von der Hand in den Mund.

Sind die Lager prall gefüllt?

Nein. Seit Sommer 2017 fallen die OECD Reserven. Von 3.100 Millionen Barrel in der Spitze haben wir knapp 300 Millionen Barrel verloren und liegen nun mit 2.800 Millionen Barrel unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt. Das spiegelt sich in den Preisen wieder, die in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen sind.

Werden Sie weiter steigen?

Es ist nicht möglich, das seriös zu prognostizieren. Letztlich kann schon eine Änderung im Verhältnis von Angebot und Nachfrage von einer Million Barrel deutliche Auswirkungen auf die Preise haben. Wir reden hier über lediglich ein Prozent des jährlichen Ölverbrauchs. Bei der Vielzahl von Variablen und der Komplexität des globalen Ölmarkts ist dies wahrlich nicht viel.

Und wenn alle Variablen konstant bleiben?

Wenn die robuste Nachfrage der vergangenen Jahre anhält und das Angebot auf dem Markt wegen der zuletzt geringen Investitionen begrenzt bleibt, gehen wir von tendenziell weiter steigenden Preisen aus. Zumindest in unserem Basisszenario, das keine Nachfrageschocks, wie etwa eine plötzliche Abkühlung der Weltwirtschaft im nächsten Jahr, vorhersieht.

Wie erklären sich die großen Preisbewegungen in der vergangenen Dekade?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich die Preise in langjährigen Zyklen bewegen. Zum letzten Nachfrage-Höhepunkt 2008 stand Öl bei 150 US-Dollar pro Barrel. Dann kam die Rezession im Zuge der internationalen Finanzkrise. Der Verbrauch brach ein, und wir haben einen nachfragegetriebenen Preisverfall gesehen. Die Produktion übertraf plötzlich die Nachfrage, und die Preise fielen auf 40 US-Dollar.

Danach ging es aber wieder zügig nach oben.

Richtig. In Folge des weltweiten Aufschwungs erholte sich die Nachfrage und damit einhergehend die Ölpreise sehr schnell. Zwischen Ende 2010 und Mitte 2014 notierten sie stabil über 100 US-Dollar. Dies führte zu einem weltweiten Investitionsboom im Öl- und Gassektor. Neue Fördertechniken wie Fracking boomten. Die niedrigen Zinsen führten dazu, dass auch unrentable Projekte realisiert wurden, und die Produktion schnellte nach oben.

Sehr zum Ärger des internationalen Öl-Kartells, der OPEC.

Ja. Auf dem 166. Treffen am 27. November 2014 trafen sich die Förderländer und – bitte verzeihen Sie mir die Formulierung – gossen weiteres Öl ins Feuer. Die Produktion wurde nicht gekürzt, sondern, angeführt von Saudi Arabien, sogar noch erhöht. Im Jahr 2015 gab es zeitweise ein Überangebot von ein bis zwei Millionen Barrel pro Tag, und die Ölvorräte stiegen auf ein Rekordniveau. Wir sahen einen angebotsgetriebenen Preisverfall, und der Ölpreis fiel bis Anfang 2016 auf 30 US-Dollar. Der Markt wurde immer verrückter.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Es gab etwa Analysen, die Preise von 20 US-Dollar und niedriger für ein Barrel Öl avisierten. Nach den Prognosen sollte der Ölpreis wegen der Fracking-Technik und der Entwicklung der Elektromobilität nie mehr über 60 US-Dollar steigen können. Es kam anders und kurz nach diesen Veröffentlichungen endete der angebotsgetriebene Zyklus niedriger Preise dann wieder.

Was war der Grund?

Die Strategie der Saudis ging auf. Die niedrigen Preise führten zu massiven Investitionskürzungen in dem Sektor. Die Zahl der aktiven Bohrtürme in den USA beispielsweise sank um drei Viertel. Auch wurden kaum neue Offshore-Projekte auf hoher See begonnen.

Dann kam die Wende…

Genau. Zwei Jahre später einigte man sich beim OPEC-Treffen am 30. November 2016 dann wieder auf Förderquoten und kürzte die Produktion. In einem historischen Pakt schlossen sich weitere Länder unter der Führung von Russland den Produktionskürzungen an. Ein halbes Jahr später sah man die Auswirkungen: Der Ölmarkt befindet sich seit Sommer 2017 im Defizit, was sich an den OECD Speicherlevels ablesen lässt.

Warum ist der Ölpreis so wichtig?

Es gibt weltweit kein Land, keine Branche, kein Unternehmen und damit auch keinen Menschen, der nicht vom Ölpreis betroffen ist. Unsere Weltwirtschaft basiert auf dem Rohstoff. Wenn die Preise steigen, geht es exportierenden Ländern besser, Importeure müssen tiefer in die Tasche greifen.

Ist der aktuelle Ölpreis fair?

Der aktuelle Preis in einer Bandbreite von 60 bis 80 US-Dollar sorgt zumindest für ein Gleichgewicht. Zum einen können die Produzenten gut damit leben und die nötigen Investitionen tätigen. Zum anderen ist es für Importeure noch bezahlbar. Aus makroökonomischer Sicht ist ein solches Szenario natürlich wünschenswert.

Wann können steigende Ölpreise die Wirtschaft ausbremsen?

Schnelle und starke Preisbewegungen können ökonomische Schocks auslösen. Ein Beispiel wäre der Zeitraum von Anfang 2007 bis Mitte 2008. Über diesen Zeitraum stieg der Ölpreis um 180 Prozent. In den vergangenen vierzig Jahren ging allen Rezessionen ein schneller und starker Ölpreisanstieg voraus.

Welche Risiken sehen Sie aktuell?

Wegen der geringen Investitionen über die vergangenen Jahre gibt es außerhalb der OPEC und den USA kein nennenswertes Wachstum der Produktion. Die globale Reservekapazität ist nahe null. Venezuela befindet sich in einer Staatskrise. Die Ölproduktion von Venezuela ist bereits stark gesunken, aber es könnte gut eine weitere Million Barrel pro Tag ausfallen. Die gleiche Menge könnte im Iran wegfallen, auf Grund der gerade neu verhängten US-Sanktionen. Andere Marktteilnehmer könnten diese Mengen im Moment nicht vollständig auffangen. Hinzu kommt, dass der ganze Mittlere Osten ein „Pulverfass“ ist. Wenn beispielsweise die beiden verfeindeten Länder Iran und Saudi Arabien es nicht bei Stellvertreter-Kriegen in Syrien und dem Jemen belassen sollten, sondern direkt aufeinanderprallen, könnte es zu erheblichen Produktionsausfällen in der gesamten Region kommen.

Was, wenn es tatsächlich so käme?

Wenn sich die möglichen Risiken gleichzeitig einstellen würden, hieße es wohl: Game Over. Die Ölpreise würden hochschnellen. Irgendwann würde der Preis die Nachfrage abwürgen. Dies würde voraussichtlich in einer globalen Rezession enden und wir sähen wieder einen nachfragegetriebenen Preisverfall.

Herr Palm, wir danken für das Gespräch. 

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