08.10.2021 - Flossbach von Storch

„Negativ für den globalen Wohlstand und das Klima“


„Negativ für den globalen Wohlstand und das Klima“

Die Globalisierung ist ins Stocken geraten. Das birgt Gefahren, die die meisten wohl noch nicht auf dem Schirm haben. Ein Interview mit Agnieszka Gehringer, Senior Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute.

Frau Gehringer, knapp 20 Jahre nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO ist die Volksrepublik zwar zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Die Begeisterung für die Globalisierung scheint aber nun verflogen.

Das ist wahr. Die jüngste Phase der Globalisierung begann schon mit dem Ende des Kalten Krieges in den frühen 1990er Jahren. Bis 2007 kam es dann zu einem beispiellosen Anstieg der weltweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verflechtungen, zumindest gemessen am KOF-Globalisierungsindex, den die ETH Zürich entwickelt hat. War dieser Index von 1970 bis 1990, also in den 20 Jahren davor um sechs Punkte gestiegen, waren es in den folgenden 17 Jahren mehr als 17 Punkte – das Globalisierungswachstum war also fast dreimal so hoch. Mit dem Ende des Kalten Krieges waren in allen drei Dimensionen, also in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht Verbesserungen erreicht worden.

Und dann?

Im Jahr 2007 hat dieser Prozess einen strukturellen Bruch erfahren. Insbesondere die wirtschaftliche Dynamik ließ nach. War der Anteil des Welthandels am globalen Bruttoinlandsprodukt von 1990 bis 2007 von zehn auf mehr als 16 Prozent gestiegen, sank dieser zunächst auf unter 14 Prozent und lag zuletzt bei 14,5 Prozent. Das bedeutet: Wir leben heute in einer weniger globalisierten Wirtschaft als vor der großen Finanzkrise. Das Tempo der Globalisierung hat sich deutlich verlangsamt und in einigen Bereichen ist es sogar rückläufig.

Dazu wird wahrscheinlich auch der Handelskonflikt von China mit den USA beigetragen haben. Und seit der Annexion der Krim im Februar 2014 gab es zudem wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland.

Die Anzahl der Handelshemmnisse hat sich seit 2002 tatsächlich weltweit mehr als verdoppelt. In der Coronakrise gab es zwar Erleichterungen. So waren von den 402 Handelsmaßnahmen (Zölle und nichttarifäre Maßnahmen), die zwischen Januar 2020 und Januar 2021 von Regierungen weltweit eingeführt wurden, 51 Prozent handelserleichternd. Die meisten dieser Maßnahmen waren jedoch nur vorübergehend – einige wurden bereits beendet.

In der Pandemie gab es jedoch nicht nur Handelserleichterungen. Immer mehr Regierungen haben starke Abhängigkeiten von Partnerländern festgestellt und verkündet, insbesondere im Bereich Gesundheit die Produktion in den eigenen Einflussbereich zurückzuholen zu wollen. Ähnliches gilt beispielsweise wohl auch für die Chipproduktion.

Angesichts der Erfahrungen in vergangenen Krisen, insbesondere der großen Finanzkrise, wird die Pandemie unseres Erachtens wahrscheinlich zu einem weiteren Rückzug aus der Globalisierung führen. Die Gefahr eines Überschießens der De-Globalisierung ist groß, insbesondere wenn die geopolitischen Spannungen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den globalen Supermächten USA und China weiter belasten. Im schlimmsten Fall würde ein chaotischer Rückzug aus der Globalisierung wahrscheinlich weitaus schwerwiegendere Probleme nach sich ziehen.

Was meinen Sie genau?

Ein breites Spektrum von Wirtschaftsmodellen zeigt unbestreitbar, dass freier Handel und eine breitere wirtschaftliche Integration zwischen den Nationen ökonomische Nettogewinne bringen. Die Umkehrung dieser Trends bedeutet ein langsameres Wirtschaftswachstum – überall auf der Welt. Am stärksten betroffen wären kleinere Entwicklungsländer. Vor allem wenn sie wirtschaftlich von einer schmalen Palette von Einkommensquellen abhängig sind und über keine breite industrielle Basis oder natürliche Ressourcen verfügen. Aber auch stark diversifizierte und technologisch führende Volkswirtschaften würden unter der schrumpfenden Realnachfrage aus anderen Ländern leiden.

Das weltweite Wachstum würde also sinken?

Genau. Zudem war die Globalisierung in der Vergangenheit eine treibende Kraft der langsamen Preisdynamik, also einer relativ niedrigen Inflation und sinkenden Zinsen. Die Rückabwicklung des Prozesses könnte auf lange Sicht zu weitreichenden Preis- und Zinssteigerungen führen.

Zinsanhebungen könnten einige hochverschuldete Länder aber gehörig unter Druck setzen.

Durchaus. Hinzu kommt, dass die De-Globalisierung des Handels häufig mit einer Lockerung der Finanzverflechtungen einhergeht. Das könnte darüber hinaus die Kreditnehmerposition der USA – sowohl   im privaten als auch im öffentlichen Sektor – merklich verschlechtern. Dementsprechend könnte die Beschaffung von Finanzierungsmitteln aus dem Ausland zunehmend schwieriger werden. Außerdem könnte eine sinkende Auslandsnachfrage nach US-Schulden die Rolle des US-Dollars als Reservewährung untergraben.

Die negativen wirtschaftlichen Folgen wären bei einer Rückabwicklung der Globalisierung also erheblich. Es gibt aber auch Kritiker, die gerne betonen, dass die ökonomischen Verflechtungen zu Lasten von Arbeitnehmerrechten gehen. Sie sollen Ungleichheit schaffen – und der Umwelt schaden. Eigentlich können wir uns dann doch über den Trend zur De-Globalierung freuen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass das derzeitige Globalisierungsmodell angepasst werden muss, um die Benachteiligung sozialer und wirtschaftlicher Gruppen, die hinter dem Tempo der wirtschaftlichen Integration zurückbleiben, stärker zu berücksichtigen. Aber eine De-Globalisierung könnte auch zu einem Rückschlag bei den globalen Klimaschutzmaßnahmen führen, die heute politisch in vielen Ländern gewünscht sind.

Wie meinen Sie das?

Nicht nur die Industrieländer würden sich der Pflege nationaler Interessen zuwenden und ihre Bemühungen verstärken, globale Wachstumsquellen auf Kosten der Klimapolitik durch heimische zu ersetzen. Die instabileren Handelsbeziehungen mit den Entwicklungsländern würden wahrscheinlich einen schwächeren Transfer grüner Technologien von den Industrieländern zu den Entwicklungsländern bedeuten. Schließlich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Handelsfragen durch eine Kooperation in der Klimapolitik überkompensiert werden könnte.

Unterm Strich halten Sie damit den Trend zur Deglobalisierung für gefährlich?

Man sollte unseres Erachtens gut überlegen, ein System abzuschaffen, das jahrzehntelang eine Steigerung des Wohlstands gebracht hat. Eine De-Globalisierung ist ein Negativsummenspiel. Wenn sie zu weit geht, wird sie keine Nation verschonen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Analysen und Kommentare der Analysten des Flossbach von Storch Research Institute finden Sie hier

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