04.11.2020 - Philipp Vorndran & Thomas Lehr

Der Zins ist stärker als der Präsident


Der Zins ist stärker als der Präsident

Die USA haben gewählt – Ausgang offen. Womöglich werden sich die Gerichte damit befassen (müssen). Was das für Anleger bedeutet.

Es verging kein Tag in den vergangenen Wochen, an dem wir nicht um eine Einschätzung zum Duell „Donald Trump gegen Joe Biden“ gebeten wurden; eben weil das, so der Subtext der formulierten Fragen, die Märkte in den kommenden Monaten massiv beeinflussen könne und vermutlich auch werde.

Unsere Antwort darauf war stets ernüchternd, auch wenn es natürlich sehr spannend, ja zwingend geboten ist, sich mit politischen Dingen auseinanderzusetzen, noch dazu mit der US-Präsidentschaftswahl, die politisch und emotional so aufgeladen war wie niemals zuvor.

Wir gehen jedoch davon aus, dass der Ausgang kaum relevant ist, zumindest aus der Perspektive desjenigen, der sich um das Thema Geldanlage kümmert, genauer: langfristig kümmert – die Trader ausdrücklich ausgenommen; vermutlich freut sich der ein oder andere unter ihnen über jeden zusätzlichen Tag, den es dauert, bis endlich Klarheit herrscht in Washington.

Langfristige Perspektive beibehalten

Die langfristige Perspektive ist jedoch eine andere: Weder Trump noch Biden werden an den wesentlichen Kapitalmarkt-Treibern etwas verändern (können). Nicht an der Notenbankpolitik, die lange Zeit – womöglich dauerhaft – expansiv bleiben wird (weil sie es wegen der Schuldenniveaus muss). Auch werden die fiskalpolitischen Stimuli nicht verschwinden angesichts der Corona-Folgen für die US-Wirtschaft. Und nicht zuletzt der Konflikt mit China: auch der wird sich fortsetzen, wahrscheinlich mit unverminderter Härte. Ganz gleich, wer künftig im Weißen Haus sitzt. Joe Biden würde weniger martialische Töne anschlagen, deutlich seltener twittern, aber von der „America-First-Doktrin“, die unter ihm zwar anders hieße, nicht abweichen. Von daher hat die US-Wahl keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Anlagestrategie. Nichtsdestotrotz verfolgen wir die Auszählung sehr gespannt.

Zu viel Konjunktiv für Investoren …

Wir sind in den vergangenen Wochen zudem oft gefragt worden, was im Falle eines Wahlsieges von Joe Biden mit der Unternehmenssteuerreform passieren würde? Rückabwicklung? Ein deutlicher Dämpfer für die Märkte?

Es ist keineswegs sicher, dass er, sollte er am Ende tatsächlich in das Weiße Haus einziehen, diese Steuerreform zu 100 Prozent zurückdreht. Und falls doch rückabgewickelt wird, in welchem Umfang auch immer, ist das frühstens ab 2022 ein Thema. Also sehr viel Konjunktiv aus Investorensicht.

Ohnehin: Eines sollten wir bei der Diskussion nicht vergessen: Auch im Wahlprogramm der Demokraten ist von fiskalpolitischen Stimuli die Rede; rund sieben Billionen US-Dollar, die für Mindestlöhne, Infrastruktur-Projekte und das Gesundheitswesen deklariert sind. Also selbst wenn eine mögliche Regierung Bidens bei den Unternehmen „abschneidet“, werden der US-Wirtschaft als Ganzes weitere US-Dollar zugeführt. Unter dem Strich dürfte die Umverteilung, so sie denn kommt, den US-Unternehmen mit robustem Geschäftsmodell keinen nachhaltigen Schaden zufügen.

Auswirkungen lassen sich schwerlich vorhersagen

So oder so sollten wir als langfristige Investoren uns davon lösen, mögliche Auswirkungen möglichst präzise vorempfinden zu wollen. Sie erinnern sich sicher an die Wahl Donald Trumps vor vier Jahren: Fast alle Marktbeobachter gingen damals davon aus, dass großes Ungemach drohe, möglicherweise Panik ausbrechen werde. Nichts von alledem ist geschehen. Stattdessen begann der US-Markt kräftig zu steigen. In den ersten 15 Monaten der Trump’schen Amtszeit legte der S&P 500 praktisch ohne Rücksetzer zu. Historisch betrachtet war die Volatilität niemals zuvor so tief wie in jener Phase. Also das genaue Gegenteil des erwarteten Chaos‘.

Und zu guter Letzt: Trifft denn die dieser Tage oft gehörte Börsenweisheit zu, nach der „politische Börsen kurze Beine haben“? Klassisches „Jein“. Wie bei fast allen „Börsensprüchen und -weisheiten“ ist ein Fünkchen Wahrheit daran, aber auch nicht mehr. Zumal eine US-Wahl nie ausschließlich politisch ist, sondern nicht selten auch handfeste ökonomische Auswirkungen hat. Ob die dann auch langfristig relevant sind, sei dahingestellt. Eine Aussage, bezogen auf die langfristigen Kapitalmarktperspektiven, erscheint uns jedoch relativ belastbar: Am Ende des Tages ist der Zins stärker als der US-Präsident.

 

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