Multi Asset Management
22.06.2018 - Autor: Thomas Lehr

Die bit­te­re Wahr­heit über Ita­li­en

Märkte

Die jüngsten Renditebewegungen bei italienischen Staatsanleihen sind nicht wirklich nachvollziehbar. Denn die Probleme des Landes sind seit langem bekannt.

Mit dem Euro ist alles in Ordnung, und die Probleme der Eurozone lassen sich in den nächsten Monaten lösen. Offenbar gibt es noch viele Investoren, die das glauben. Anders lässt sich der Renditeanstieg bei den zehnjährigen italienischen Staatsanleihen in den vergangenen Wochen nicht erklären. Nur wer von einem „Heile-Welt“-Szenario in der Eurozone ausgeht, für den dürfte der Start der Koalitionsregierung in Italien eine Überraschung gewesen sein, die sich dann durch einen Anstieg der italienischen Renditen bemerkbar machte.

Das italienische Drama läuft schon seit Jahren

Unseres Erachtens hat sich in den vergangenen Wochen an Italiens Lage fundamental nichts geändert. Die Wahl ist lange vorbei, das Ergebnis sowie die handelnden Personen sind bekannt und die politische Agenda – Parallelwährung, höhere Haushaltsausgaben, Anstieg der Staatsschulden – ist ebenfalls nicht neu. Und auch die Optionen von Italien für die kommenden Jahre liegen schon lange auf dem Tisch. Vielleicht ist aber der Start der neuen italienischen Regierung eine Art Weckruf für manche Anleger, sich endlich mit den zugrunde liegenden Problemen des Landes zu beschäftigen. Denn im Grunde läuft das italienische Drama schon seit vielen Jahren vor unseren Augen ab. Um genau zu sein seit dem Beitritt in die Eurozone. Die bittere Wahrheit ist, dass die Italiener mit dem Eurobeitritt ihr Wirtschaftsmodell verloren haben.

Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung gibt es nicht mehr

Dieses Modell sah vor, über das konstante Abwerten der Italienischen Lire die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaft zu erhalten: Drohte Italien im Wettbewerb zurückzufallen, weil etwa andere Länder günstiger produzieren konnten, wertete das Land die Währung ab und machte seine Produkte so günstiger. Das System funktionierte bis zur Euroeinführung gut. So gut, dass sich beispielsweise bis dahin die italienische und deutsche Industrieproduktion in etwa synchron entwickelten. Das änderte sich mit dem Euro. Ab da war das italienische Geschäftsmodell nicht mehr möglich. Und das wird so bleiben. Die Italiener haben den Euro bekommen und ihr wichtigstes Instrument – die Währungspolitik – verloren. Das ist die bittere Wahrheit des Euro.

Abwertung innerhalb des Euro dürfte sehr schmerzhaft werden

Wenn Italien innerhalb des Euro wettbewerbsfähiger werden will, müsste das Land dies über fallende Preise und niedrigere Löhne erreichen. Eine äußerst schmerzhafte Anpassung, wie das Beispiel Griechenlands zeigt. Denkbare wäre das Abwerten Italiens außerhalb des Euro. Das erscheint aus italienischer Perspektive auf den ersten Blick vielleicht weniger schmerzhaft zu sein. Am Ende aber kommt das auf das Gleiche hinaus, weil die Italiener im internationalen Vergleich massiv an Kaufkraft verlieren würden.

Politischer Wille setzt Ökonomie nicht außer Kraft

Und was wäre, wenn der Euro insgesamt „weicher“ würde? Auch das wäre keine Hilfe für die Italiener. Dann würden die Länder der Eurozone, die schon heute wettbewerbsfähiger sind als Italien, noch wettbewerbsfähiger. Und so entwickelt sich innerhalb der Eurozone eine Art „Zweiklassengesellschaft“ anhand der Haushaltsüberschüsse und -defizite mit Deutschland, den Niederlanden und Finnland auf der einen, und Italien, Frankreich und Spanien auf der anderen Seite. Das schafft Spannungen in der Eurozone, die sich unseres Erachtens nicht ohne weiteres lösen lassen. Ökonomie kann man allein mit politischem Willen nicht außer Kraft setzen.

 

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